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Gendersensible Sprache

Liebe Besucher dieser Flora rica-Seiten,

die Anrede macht es bereits deutlich: Als Ver­ant­wort­licher für diesen Internet-Auftritt verzichte ich bewusst auf den Einsatz sogenannter gender­sen­sibler Spra­che. Ich möchte dabei betonen, dass ich mich im Folgen­den nicht auf die Gender­theorien im All­ge­mei­nen be­ziehe, son­dern nur auf die spe­zi­fi­schen Gender-Aus­wirkungen auf die Sprache. Die unten ver­wen­deten Gender­be­griffe sind also nur im Zu­sam­men­hang mit dem „Sprach­gendern“ zu ver­stehen. Den­jenigen unter Ihnen, die meine Haltung nicht unter­stützen oder die sich gar dar­über ärgern, möchte ich diese Ent­schei­dung wie folgt begründen:

Das „böse“ generische Maskulinum

Über das Für und Wider von gender­sen­sib­ler Spra­che wird im deutsch­spra­chigen Raum seit Jahren in der Gesell­schaft kon­tro­vers dis­ku­tiert. Die meis­ten, die gender­sen­sible Spra­che ver­wen­den, tun dies, um den Frau­en in un­ser­er Gesell­schaft die ihnen ge­büh­rende Beach­tung, Wert­schät­zung und Gleich­be­rech­ti­gung zu­kom­men zu las­sen, sie also „sicht­bar“ zu mach­en und sie nicht nur un­aus­ge­sproch­en „mit­zu­mei­nen“, wenn von „Kun­den“, „Be­such­ern“, „Käu­fern“ usw. in Form eines ge­neri­schen Mas­ku­li­nums die Rede ist. Ab­ge­se­hen davon, dass selbst­bewusste Frauen nie „un­sicht­bar“ sind, ist diese In­ten­sion al­ler Ehren wert und soll hier in kei­ner Weise dis­kreditiert wer­den. Von den Be­für­wor­tern gen­der­sen­sib­ler Spra­che wird ger­ne be­haup­tet, dass die Exi­stenz des ge­neri­schen Mas­ku­li­nums (z.B. „Die Wäh­ler ha­ben ent­schie­den“, „Wer hat sei­nen Schirm ver­ges­sen?“) im Deut­schen die be­ste­hen­den ge­sell­schaft­lich­en Ver­hält­nisse zementiere, wo­durch den Frau­en eine echte Gleich­be­rech­ti­gung den Män­nern gegen­über ver­wehrt blie­be oder die­se da­durch er­schwert würde. Hier wird das gene­rische Masku­linum zum sexis­tischen Masku­linum um­de­kla­riert 20. Als Be­weis wer­den As­so­zi­a­ti­ons-Stu­dien (z.B.: 1) ge­nannt, die ge­zeigt ha­ben, dass Be­grif­fen, die als ge­ne­ri­sches Mas­ku­li­num for­mu­liert wur­den, z. B. „Sportler“ (pl.) mehr Män­ner als Frau­en zu­ge­ord­net wur­den, als dies bei Ein­zel­nen­nung der Ge­schlech­ter („Sport­ler­in­nen und Sport­ler“) der Fall war. Hier kommt es ent­schei­dend auf die Frage­stel­lung an: Würde man bei­spiels­weise nach „Ein­woh­nern“ fragen, würde ver­mut­lich nie­mand damit nur männ­liche Ein­woh­ner asso­zi­ieren. Trotz­dem möchte ich die Stu­dien nicht grund­sätz­lich an­zwei­feln, aber las­sen sie den Schluss zu, dass die Sprache ur­säch­lich für Nicht-Gleich­be­rech­ti­gung sei?

Gleichberechtigung und geschlechter­neutrale Spra­chen

Diese Ansicht teile ich nicht. Im Gegen­teil, ich bin da­von über­zeugt, dass Spra­che, da sie so­wie­so ei­nem ste­ti­gen Wan­del unter­liegt, zwar die vor­lie­gen­den gesell­schaft­lich­en Ver­hält­nisse re­flektiert, aber kei­nes­falls deren Ur­sache ist. Wäh­rend v. a. romanische Spra­chen wie z. B. Fran­zö­sisch und Por­tu­gie­sisch aber auch die deut­sche Spra­che ein gram­ma­ti­ka­lisches Ge­schlecht ken­nen (Gruppe a), gel­ten u. a. Fin­nisch, Un­ga­risch und Tür­kisch als ge­schlech­ter­neut­rale Spra­chen (Gruppe b). Die Un­gleich­be­rech­tigung von Frau­en gegen­über Män­nern soll­te, wäre Sprache dafür maß­geb­lich ver­ant­wort­lich, in letz­teren Län­dern (b) weni­ger aus­ge­prägt sein als in ers­teren (a). Im glo­ba­len In­dex der Gleich­be­rech­ti­gung, den der Global Gender Gap Report von 2020 er­mit­telt hat, rangiert Deutsch­land (a) auf Platz 10, Frank­reich (a) auf Platz 15 und Por­tu­gal (a) auf Platz 35, wäh­rend Finn­land (b) Platz 3, Un­garn (b) Platz 105 und die Tür­kei (b) Platz 130 von ins­gesamt 153 Län­dern ein­nimmt. Eine Kor­re­la­tion zwi­schen der Gleich­be­rech­ti­gung der Ge­schlech­ter und dem Auf­tre­ten ei­ner ge­schlech­ter­neut­ralen Spra­che ist hier definitiv nicht zu er­ken­nen.

Genus vs. Sexus

Unter Sprach­wissen­schaft­lern gilt (mehr­heit­lich), dass das sprach­liche Genus mit dem bio­lo­gisch­en Ge­schlecht, dem Sexus, nichts zu tun hat: Die deut­sche Über­setzung „Geschlecht“ für den la­tei­ni­schen Be­griff „Genus“ ist un­glück­lich, eben­so die Be­griffe „männ­lich“, „weib­lich“, „säch­lich“. Die­ses Miss­ver­ständ­nis kön­nte Sprach­akti­vist­in­nen erst auf die Idee ge­bracht ha­ben, Deutsch sei eine „Män­ner­spra­che“2 und müs­se in eine „Frau­en­spra­che“3 um­ge­wan­delt wer­den. Dass sprach­liches „Genus“ und bio­lo­gi­sches „Ge­schlecht“ nicht deckungs­gleich sind, sieht man an „der Mensch“ und „die Per­son“. All­ge­mein ak­zep­tiert, wer­den un­ter bei­den Be­grif­fen je­weils bei­de bio­lo­gi­schen Ge­schlech­ter ver­stan­den. Auch wer­den we­der im ers­teren Fall die „weib­lichen Men­schen“, noch im letz­te­ren die „männ­lichen Per­so­nen“ dis­kri­mi­niert. Ich hof­fe, dass wenigs­tens dar­über Kon­sens in un­se­rer Ge­sell­schaft herrscht. In den hier ge­nann­ten und vie­len an­de­ren Fäl­len geht aus die­sem Grund das Gen­dern auch nicht („Mensch­in­nen“, „Per­son­in­nen“, „Deutsch­innen“), ob­wohl es im­mer wie­der ver­sucht wird („Mit­glie­der*innen“4, „Gäst*in“4, „Pla­net*in“5). Gender-Aus­rutscher wie „Steuer­innen­zahler“6, „weib­liche Freund­innen“7 und „Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter­[Sprech­pause]­innen­tref­fen“8 will ich hier gar nicht auf die Gold­waage legen.

Übrigens: Das Personal­pro­no­men in der drit­ten Per­son Plu­ral lau­tet im Deut­schen: „sie“. „Die Bür­ger wa­ren zur Wahl auf­ge­ru­fen und so ha­ben sie ge­wählt: …“ Ich, männ­lich, werde mich dabei groß­zügiger­weise nicht dis­kri­mi­niert füh­len, dafür aber dankens­wer­ter­weise „mit­ge­meint“ (Achtung: Ironie).

Neudefinierung der Plural­formen

Einen Aspekt möchte ich in die­sem Zu­sam­men­hang nen­nen, der aus mei­ner Sicht in öffent­lichen Dis­kur­sen meist zu kurz kommt: Ein Kern­prob­lem der Gen­der-Anwendung in der Sprache ist die un­klare Be­deu­tung der männ­lichen bzw. der ge­mischt­ge­schlecht­lichen Plural­form. Un­ter „Be­su­cher“(pl.) bei­spiels­weise ver­standen frü­her und ver­ste­hen auch heu­te noch die meis­ten Men­schen so­wohl die männ­lichen als auch die weib­lichen Mit­glie­der einer Be­su­cher­gruppe. Durch die Ver­wen­dung des Aus­drucks „Be­sucher­in­nen und Be­su­cher“ be­kommt die Plural­form „Be­su­cher“ eine neue, andere Be­deu­tung als sie sie in Vor-Gen­der-Zei­ten hatte. Wäh­rend „Be­su­cher“(pl.) frü­her beide, oder bes­ser ge­sagt, alle Ge­schlech­ter ein­schloss, sind es heute bei kon­se­quen­ter An­wen­dung gender­sen­sibler Spra­che nur deren männ­liche Ver­tre­ter.

In der bisher ge­bräuch­lichen Form wird die ge­mischt­ge­schlecht­liche Plural­form von den Gender-Befür­wor­tern auch nicht ge­wollt, weil hier, so wird be­haup­tet, das weib­liche Ge­schlecht dis­kri­miniert, da nur „mit­ge­meint“ wird. Eher wür­den Gender-Be­für­wor­ter­in­nen das ge­neri­sche Femi­ni­num ver­wen­den („Be­su­cher­in­nen“), bei dem dann aller­dings das männ­liche Ge­schlecht „mit­ge­meint“ und eben­so dis­kri­mi­niert würde. Die Uni­ver­sität Leip­zig hat dies für ihre Ver­wal­tung exakt so be­schlos­sen: Alle Pro­fes­soren, un­ab­hängig von ihrem bio­lo­gi­schen oder „sozialen“ Ge­schlecht, sind jetzt „Pro­fes­sor­innen“. Das ist für Gender-Befür­worter offen­bar nicht wei­ter schlimm und aus his­to­rischer Sicht mög­licher­weise sogar ge­recht.

Gender und Sammelbegriffe

Ob man nun das ge­ne­ri­sche Fe­mi­ni­num oder das ge­ne­ri­sche Mas­ku­li­num be­vor­zugt, das Prob­lem ist grund­sätz­licher Art: Gender­kon­formen Re­geln ent­sprech­end muss bei einer ge­mischt­ge­schlecht­lichen Grup­pe je­des Ge­schlecht (zu­min­dest das weib­liche und das männ­liche) ge­nannt wer­den. Wer aber die Ein­zel-Nen­nung der Ge­schlech­ter for­dert, muss die Sammel-Nen­nung zwangs­läu­fig ab­leh­nen. Bei­des kann man nicht ha­ben. Die kon­se­quente Nicht-Nen­nung ge­mischt­ge­schlecht­licher Plural­formen hat zur Folge, dass eben die­se Plural­for­men (in der Funk­tion ei­nes Sam­mel­be­griffs) aus der deut­schen Spra­che ver­drängt werden.

Die­sen Nieder­gang hat die ge­mischt­ge­schlecht­liche Plu­ral­form, die so un­ge­mein prak­tisch und öko­no­misch ist, nicht ver­dient, und er be­deutet ein­deu­tig ei­nen Ver­lust an sprachl­ichen Aus­drucks­mög­lich­kei­ten. Da ich Natur- aber kein Sprach­wis­sen­schaft­ler bin, kann ich nur ver­mu­ten, dass es in al­len Spra­chen ei­nen Sam­mel­be­griff für eine Gruppe aus männ­lichen und weib­lichen „Be­su­chern“ o. ä. gibt. Man kann es förm­lich mit Hän­den grei­fen, dass eine Spra­che, der die Aus­drucks­mög­lich­keit der ge­mischt­ge­schlecht­lichen Plural­form (in der Funktion eines Sam­mel­begriffs) fehlt, diese über kurz oder lang ein­füh­ren würde. Deutsch da­ge­gen wäre die ers­te Spra­che, die eine solche ge­mischt­ge­schlecht­liche Plu­ral­form ab­schafft. Ist den An­wen­dern gender­sen­sibler Spra­che die­ser Zu­sam­men­hang ei­gent­lich klar? Ade, gute alte Sprach­öko­nomie!

Nun kann man ein­wen­den, dass die ge­mischt­ge­schlecht­lichen Plural­formen bzw. Sammelbegriffe ge­nau ge­nom­men gar nicht ab­ge­schafft, son­dern nur durch andere er­setzt wer­den. Das ist in der Tat der Fall. Die­se neu­en Plu­ral­formen sind aber völ­lig un­natür­liche, teil­weise ab­sur­de Kon­struk­te, wie z. B. Be­su­cherIn­nen, …*in­nen, …_in­nen, …/in­nen, …:in­nen, [Sprech­pause]­in­nen, …@ („m@n“), …x („Pro­fessx“), …a („Bäcka“), so­wie sub­stan­ti­vierte Par­ti­zip­ial­formen z. B. „Rad Fah­ren­de“ oder „Hun­de Hal­ten­de“ (ein Hun­de Hal­ten­der ist nicht un­be­dingt ein Hun­de­hal­ter). Auf den Spezial­fall Par­ti­zi­pi­al­formen werde ich unten näher ein­gehen. Mit Sprach­äs­the­tik hat dies nach mei­ner An­sicht nichts mehr zu tun. „Schreib­bar“ mögen diese „kre­a­tiven“ For­men ja noch sein, aber sind sie auch noch „sprech­bar“? Spra­che ist in ers­ter Linie das ge­spro­chene Wort und erst in zwei­ter Linie Schrift­spra­che. Als hör­bar wahr­zu­neh­mende Plu­ral­formen blei­ben von den „kre­a­tiven“ Kon­struk­ten, ab­ge­se­hen von den nicht ernst zu neh­men­den @-, x- und a-Ge­bil­den, nur [Sprech­pause]­in­nen und die Par­ti­zip­ial­formen üb­rig („Bett­näs­sen­de“), au­ßer man spricht z. B. den Gen­der­*­stern aus, wie etwa Herr Kleber im ZDF. Wollen wir un­seren Kin­dern in den Gute-Nacht-Ge­schich­ten auch das Gender*stern­chen vor­lesen (Die Schild­bürger­*innen) wenn wir schon nicht „Schild­bürger­innen und Schild­bürger“ sagen wollen?

Gender-Notlösungen

Als Le­ser oder Hö­rer wird man fast in je­dem zwei­ten Satz da­rauf auf­merk­sam ge­macht, dass sich unter den „Be­su­chern“, „Leh­rern“, „Er­zie­hern“ etc. nicht nur Män­ner, son­dern auch Frau­en be­fin­den („Be­su­cher­innen und Be­su­cher“, „Leh­rer­innen und Leh­rer“, „Er­zie­her­innen und Er­zie­her“ etc.). Dass das auf den Emp­fän­ger die­ser Bot­schaf­ten auf die Dau­er ein­tö­nig und er­mü­dend wirkt, scheint den Ver­fas­sern die­ser Texte auch klar zu sein. Daher hat man sich ver­schie­dene, als „kreativ“ be­zeich­nete Not­lö­sungen aus­ge­dacht:

1. Männliche und weibliche Plural­formen im Wechsel:

Um das ge­ne­ri­sche Mas­ku­li­num, das für mangeln­de Gleich­be­rech­ti­gung ver­ant­wort­lich ge­macht wird, mög­lichst zu ver­mei­den, aber den­noch nicht beide Plural­for­men nen­nen zu müs­sen, ver­sucht man sich um das Prob­lem herum­zu­mo­geln, in­dem man die weib­lichen und die männ­lichen Plu­ral­formen ab­wech­selnd nennt: „Künst­ler­innen (f. pl.), Mu­si­ker (m. pl.) und Kom­po­nistin­nen (f. pl.) …“ (Ori­gi­nal­ton Deutsch­land­funk). Prak­tisch­er­weise könn­te man diese Aus­drücke auch schön zu­sam­men­fassen: „Künst­ler-, Musi­ker- und Kom­po­nist[Sprech­pause]innen“ (wenn man schon „sprach­gendern“ möchte). Aber, da die bei­den ers­ten Aus­drücke mit dem ge­neri­schen Mas­ku­li­num ver­wech­selt wer­den könn­ten (die sie hier aber nicht sein sollen), geht das na­tür­lich nicht.

In den 6 Uhr Nach­rich­ten des Deutsch­land­funks vom 19.03.2021 war zu hö­ren: „Die Grün­der des Impf­stoff­ent­wick­lers BioNTech, Özlem Türeci und Ugur Sahin, er­hal­ten heu­te das Bun­des­ver­dienst­kreuz […]. Bun­des­prä­si­dent Stein­meier wird die bei­den Wis­sen­schaft­ler und Un­ter­neh­mer­innen mit dem […] aus­zeich­nen. […] Die bei­den For­scher­innen und Un­ter­nehmens­grün­der ver­bän­den me­di­zi­nische Grund­lagen­for­schung mit deren Über­set­zung in eine prak­ti­sche Nut­zung, teilte […] mit.“ Auch wenn man als „Nicht-Gen­der­er“ den In­halt die­ser Nach­richt mühe­los ver­steht, bleibt doch fest­zu­hal­ten, dass der mit der Aus­zeich­nung be­dach­te Herr Sahin, gül­ti­gen Gram­ma­tik­re­geln fol­gend, als Un­ter­neh­merin und For­scherin be­zeich­net wur­de. Ich hof­fe, dass er Bes­se­res zu tun hat­te, als sich die­se Zu­wei­sung an­zu­hö­ren.

Ob­wohl ich ein Mann bin und mich genau so fühle, oder viel­leicht ge­ra­de des­halb(?), muss auch ich mich fast täg­lich von öf­fent­lich-recht­lichen Sen­dern wahl­weise als Zu­schau­erin oder Hörerin an­sprechen las­sen („Liebe Zu­schau­erinnen und Hörer“, oder um­ge­kehrt) als Dank für meine Rund­funk­ge­büh­ren, die ich an­sonsten gerne zahle.

Die Frau­en unter den Lesern(!) die­ses Tex­tes wer­den mög­lich­er­weise ein­wen­den, dass sie durch das ge­ne­ri­sche Mas­ku­li­num doch stän­dig in der Plu­ral­form als Män­ner an­ge­sprochen wür­den. Das ist aller­dings ein Trug­schluss, eine opti­sche bzw. akus­tische Täu­schung so­zu­sagen. Die Plu­ral­form „Leser“ z.B. ist nicht etwa männ­lich­en Ge­schlechts, son­dern sie be­sitzt gar kei­nes, ist also ge­schlechts­neu­tral. Die En­dung „-er“ wan­delt das Verb „le­sen“ in ein Sub­stan­tiv um: „Leser“. Nur aus der Gleich­heit der En­dung „-er“ in der Plu­ral­form „Leser“ und in der männ­li­chen Form „männ­liche(r) Leser“ (s.u.) lei­ten Be­für­wor­ter gen­der­sen­sib­ler Spra­che ab, dass mit der Plu­ral­form „Leser“ nur Män­ner ge­meint sei­en. Die Genus-En­dung „-er“ ist aber kei­ne sexus­spe­zi­fi­sche En­dung! Die­ses große Miss­ver­ständ­nis ist letzt­lich die Ur­sache des gan­zen Sprach-Gen­der­streits. In Wirk­lich­keit wer­den mit „Leser“ nicht nur Frau­en, son­dern auch Män­ner „mit­ge­meint“! Nach der über­wie­gen­den Mehr­heit der Sprach­wis­sen­schaft­ler gibt es für aus­schließ­lich männ­li­che Leser im Deut­schen gar kei­nen Aus­druck, wohl aber für weib­liche: „Leser­innen“, wo­rü­ber sich mei­nes Wis­sens bis­her noch kein Mann be­klagt hat. Ein aus­schließ­lich männ­licher Le­ser muss als sol­cher aus­drück­lich her­vor­ge­ho­ben wer­den, eben als „männ­licher Leser“. Frau­en soll­ten da­her nicht auf­hö­ren, wei­ter­hin Leser­briefe zu schrei­ben! Im Übrigen wer­den Frau­en bei „Le­ser­innen und Le­ser“ dop­pelt ge­nannt, spe­zi­fisch als Le­ser­in und all­ge­mein als Le­ser. Etwa so, als würde man Nu­deln und Teig­wa­ren sagen, oder Äp­fel und Obst.

Wenn man aber ins­be­son­dere die Frau­en auf je­den Fall er­wäh­nen möch­te, wäre mein Vor­schlag: „Leser­innen und andere (od. weitere) Leser“. Die Leser­innen würden dadurch „sichtbar“ gemacht und das generische Maskulinum in seiner Sammel­funktion bliebe erhalten.

2. Inkon­se­quenz als Aus­weg

Würde man ver­su­chen, ohne das ge­ne­ri­sche Mas­ku­li­num aus­zu­kom­men, wären z.B. fol­gen­de Texte un­aus­weich­lich:

Die heu­ti­ge Be­völ­ke­rung des Viel­völ­ker­staats Irak setzt sich zu­sam­men aus Ara­be­rin­nen und Ara­bern (75-80%), Kur­din­nen und Kur­den (15-20%), Tur­ko­ma­ninnen und Tur­ko­ma­nen (5%), Assy­re­rinnen und Assy­rern (600 000), Ar­me­nier­innen und Ar­me­niern (10 000) und wei­te­ren eth­ni­schen Grup­pen.
Oder noch kon­se­quen­ter: … setzt sich zu­sam­men aus Ara­be­rinnen und Ara­bern (je 37,5-40%), Kur­din­nen und Kur­den (je 7,5-10%), Tur­ko­ma­ninnen und Tur­ko­ma­nen (je 2,5%), Assy­re­rinnen und Assy­rern (je 300 000), Ar­me­nie­rin­nen und Ar­me­niern (je 5 000) und …
Oder: Die drei größ­ten Städte Deutsch­lands sind Ber­lin (je ca. 1 835 000 Ein­wohner­innen und Ein­wohner), Ham­burg (je ca. 923 600 Ein­wohner­innen und Ein­wohner) und Mün­chen (je ca. 742 000 Ein­wohner­innen und Ein­wohner).11 Die­je­ni­gen, die sich we­der dem männ­lichen noch dem weib­lichen Ge­schlecht zu­ord­nen, blie­ben dabei aller­dings un­be­rück­sich­tigt und müss­ten dann je­weils ge­son­dert ge­zählt wer­den!

Aber Kon­se­quenz ist die Sache der „Gen­der­sprach­ler“ nicht, aus gutem Grund, denn dann wür­den die Un­zu­läng­lich­kei­ten des Sprach­gen­derns offen zutage treten. Um aber die Schwä­chen des ei­ge­nen Kon­zepts zu ver­ber­gen, sucht man sein Heil in der In­kon­se­quenz und lässt ge­le­gent­lich, aber wohl­do­siert, schon mal ein ge­ne­ri­sches Mas­ku­li­num durch­ge­hen. Schließ­lich ist man ja auch mit we­ni­gen Gender-Aus­drücken, gerne am An­fang der Ge­schich­te, sei­nen po­li­ti­schen Stand­punkt (s. u.) los­ge­wor­den. Aber das hat na­tür­lich sei­nen Preis: Da nicht ein­deu­tig ge­klärt ist, ob es sich bei oben ge­nann­ten Mu­si­kern, Grün­dern oder Wis­sen­schaft­lern nur um Män­ner han­delt (gemäß kon­se­quen­tem Gen­dern) oder um Men­schen bei­der/al­ler Ge­schlech­ter (ge­ne­ri­sches Mas­ku­li­num), ent­ste­hen Miss­ver­ständ­nisse. Was aber soll man von einem Kon­zept hal­ten, das sich seine kon­se­quente An­wen­dung selbst nicht zu­traut? Mut zu Kon­se­quenz, liebe Gender-Freunde, meine Auf­merk­sam­keit ist euch gewiss! Aber Vor­sicht: Wer die Sam­mel­nen­nung (in Form eines generischen Aus­drucks) ablehnt und statt­dessen die Einzel­nennungen be­vor­zugt, muss höl­lisch auf­passen, dass er nicht jeman­den ver­gisst. Nie­man­den aus­zu­grenzen, ist das nicht der An­spruch, den die Gender­be­für­worter an sich stellen? Doch zu den viel­leicht „Mit­gemeinten“, aber nicht „Mit­genannten“ ge­hören auch die­jenigen, die sich weder dem männ­lichen noch dem weib­lichen Ge­schlecht zu­ge­hörig fühlen. Die konnten sich in dem alle ein­schließen­den gene­ri­schen Mas­ku­li­num („Bürger“) besser wieder­finden als in dem den Rest aus­schließen­den Aus­druck „Bürgerinnen und Bürger“. Konsequenz der un­voll­ständigen(!) Einzel­nennung.

3. Partizipialformen

Das Par­ti­zip Prä­sens be­schreibt die Gleich­zei­tig­keit von Hand­lungen oder Hand­lungen im ge­nann­ten Mo­ment: Zeitung lesend, trinke ich mei­nen Kaf­fee. Wäh­rend ich eine Zeitung lese, bin ich ein Lesender. Sobald ich damit fertig bin, bin ich kein Le­sen­der mehr, aber immer noch ein Zeitungs­leser. Ein Leser ist also nur im Mo­ment des Lesens ein Lesender.

Um Frauen „sicht­bar“ zu machen, wur­den zu­nächst „Stu­den­ten“ aus Vor-Gender-Zeiten zu „Stu­den­tinnen und Stu­den­ten“, „Fuß­gänger“ zu „Fuß­gänger­innen und Fuß­gängern“, „Rad­fahrer“ zu „Rad­fahrer­innen und Rad­fahrern“ und so weiter. Die Sprache wurde sexu­ali­siert, Hörer und Leser mit wieder­holter Nen­nung der weib­lichen und männ­lichen Plural­formen ge­lang­weilt und der Text auf­ge­bläht.

Dessen waren sich die „Gen­dern­den“ ver­mut­lich auch be­wusst und ent­deck­ten die substan­ti­vierte Form des Par­ti­zip Prä­sens als Not­lösung: „Stu­dent­innen und Stu­den­ten“ waren von nun an „Stu­die­rende“. Dabei ignorierte man aber, dass diese Personen meist nur tagsüber „Stu­die­rende“ sind, abends sind sie mög­lich­er­weise „Trinkende“ und nachts hoffent­lich „Schla­fende“. Diese Par­ti­zi­pial­formen sind zwar geschlech­ter­neutral, dis­kri­mi­nie­ren also nie­man­den, aber „sicht­bar“ werden die Frauen durch diese For­men jeden­falls nicht. Aber viel­leicht sind viele ja schon damit zu­frie­den­ge­stellt, dass die Männer dadurch „un­sicht­bar“ werden. Um aber die an­geb­lich mangelnde Sicht­bar­keit von Frauen zu er­rei­chen, soll­ten die Ver­fech­ter die­ser Theo­rie doch lieber bei den „Stu­dent­innen und Stu­den­ten“ blei­ben. Dann je­doch tritt der oben er­wähn­te, die Hörer oder Leser lang­wei­len­de Effekt ein. Mit an­de­ren Wor­ten: Der Rück­griff auf die Par­ti­zi­pial­form ist nichts ande­res als ein Ein­ge­ständ­nis der kon­zep­tio­nellen Unzu­läng­lich­keit und prak­ti­schen Un­taug­lich­keit der Gender­sprache.

Aber die Par­ti­zi­pi­al­for­men haben noch eine wei­te­re Funk­tion. Offen­bar wis­send um die feh­len­de „Sicht­bar­keit“ der Frauen bei der Ver­wen­dung die­ser Formen haben ihre Be­für­worter aus der Not eine Tugend gemacht und den Par­ti­zi­pi­al­for­men einen neuen Zweck zu­ge­dacht, näm­lich den eines wich­ti­gen Iden­ti­täts­merk­mals der Gender­sprachler. Sage ich z.B. „For­schende“ statt „For­scher“, bin ich aus Sicht der „Gendern­den“ einer der Ihren, ein „Guter“ also, sage ich es nicht, stehe ich nahe am rech­ten Rand. In­wie­weit das gül­ti­gen Gram­matik­regeln ent­spricht, ist ange­sichts des „hehren Ziels“ ab­so­lut zweit­rangig. Das führt nicht selten zu un­sin­ni­gen Aus­drücken wie „Ur­lau­bende“, „Polar­for­schende“, also zu Par­ti­zi­pi­al­for­men von Ver­ben, die es gar nicht gibt. Aber es geht noch besser: „Die drei Kanz­ler­kan­di­die­ren­den“19 (soll wahr­schein­lich das Par­ti­zip Prä­sens des Verbs: „kanz­ler­kan­di­die­ren“ sein, ist nur lei­der nicht ge­schlech­ter­neut­ral).

Mein Fazit: Es ist augen­fällig, dass hier an der Spra­che herum­ge­bas­telt wird, dass aber die Re­sul­tate nicht zu­sam­men­passen. Sie wer­den not­dürf­tig ge­kittet, wo­bei nur wie­der neue Flick­stel­len ent­ste­hen. Was bleibt, ist Flick­schus­ter­ei, die den Kern des Prob­lems ig­no­riert: Man hat sich ver­rannt, will oder kann es sich aber (noch) nicht ein­ge­stehen.

Gender-Blüten

Es lassen sich sogar noch wei­ter­ge­hen­de, ge­rade­zu aben­teuer­liche „Lösungs­vor­schläge“ finden2: Wäh­rend wie in Vor-Gen­der-Zei­ten der weib­liche Singu­lar durch die En­dung „in“ (Be­su­cherin) ge­kenn­zeich­net bleibt, er­hält der männ­liche Singu­lar die En­dung „ich“ (Be­su­cherich). Sind beide Ge­schlech­ter ge­meint, wird das Neut­rum ver­wendet: „Das“ Be­su­cher. Für die Plural­bil­dung er­gäbe sich folg­lich als Sammel-Be­griff für beide/alle Ge­schlech­ter (wie ge­habt): „Be­su­cher“, für weib­liche Be­su­cher: „Be­su­cher­innen“ und für aus­schließ­lich männ­liche Be­su­cher: „Be­su­cheriche“. Was für ein grandi­oser Vor­schlag! Mir fallen dabei „Poli­ti­ker­iche“, „Ärzt­iche (Arzt­iche?)“, „Pfle­ger­iche“, „Leh­rer­iche“, „Schü­ler­iche“, „Pro­fes­sor­iche“, „Stu­dent­iche“, „Kund­iche“, „Bür­ger­iche“, „Tou­rist­iche“, „Rad­fah­rer­iche“ oder „Fuß­gänger­iche“ ein. Ohne die­sem kre­a­tiven Geist zu nahe tre­ten zu wol­len, aus der Ver­wen­dung die­ser, nicht nur zu „Hein­rich“ und „Fried­rich“, son­dern auch zu „Gän­ser­ich“ und „Wü­ter­ich“ ana­lo­gen Be­griffe kann eine tiefe Ab­nei­gung gegen­über allem Männ­lichen oder gar des­sen Ver­achtung nicht mit Sicher­heit aus­ge­schlos­sen werden. Spra­che ist ein Kul­tur­gut, das man acht­sam und pfleg­lich be­handeln sol­lte. Sie hat sich in langen Zeit­räumen ent­wickelt, immer im grund­sätz­lichen Kon­sens zwischen dem Ge­sag­ten und dem Ver­stan­denen. Vor allem hat sie es nicht ver­dient, durch kurz­zeitiges Auf­flackern des Zeit­geistes nach­haltig be­schä­digt zu werden.

Ein aktuel­les Bei­spiel:

Anläss­lich des jüngsten Sach­stands­be­richts des Welt­klima­rats IPCC stellte die Bundes­um­welt­minis­terin Svenja Schulze fest: „Der Planet schwebt […] in Lebens­gefahr und mit ihm seine Be­wohner­innen und Be­wohner.“ Dass man die Klima­si­tu­ation und die sich daraus er­ge­ben­den Per­spek­tiven nicht dras­tisch genug aus­drücken kann, steht für mich außer Frage. Aber an wen oder was mag die Minis­terin wohl bei „Be­wohner­innen und Be­wohner“ gedacht haben? Ich bin sicher, dass sie weiß, dass die Erde nicht nur von Men­schen be­wohnt wird, dachte sie dabei also an „Eis­bär­innen und Eis­bären“, „Pingu­in­innen und Pingu­ine“, „Mäu­sinnen und Mäu­se“, „Frösch­innen und Frö­sche“, „Bien­innen und Bie­nen“, „Bäum­innen und Bäu­me“, „Grä­sinnen und Grä­ser“? Gendern um jeden Preis, auch den der Pein­lich­keit. Will­kommen in Ab­sur­dis­tan! U. a. dem ZDF16 und dem Spie­gel17 ist das wohl auch auf­ge­fal­len: Hier wird das Zitat der Mi­nis­terin an der ent­schei­den­den Stelle ab­ge­wan­delt, jour­na­li­stisch zwar un­lau­ter, aber um einer Schwes­ter im Gender-Geiste bei­zu­stehen, kann man das schon mal machen: „Der Planet schwebt in Lebens­gefahr und mit ihm seine Be­wohner.“

So weit ist Dirk-Oliver Heckmann vom Deutsch­land­funk offen­sicht­lich noch nicht, sonst würde er der Ministerin in einem Inter­view18 wohl nicht diese Frage ge­stellt haben: „Welchen Anteil haben Sie und Ihre Partei, dass der Planet in Lebens­gefahr schwebt und mit ihm seine Bewohner­innen und Bewohner?“

Den Gender­vogel hat eine Arzt­praxis ab­ge­schossen: Unter der Über­schrift „Infor­mation/Ver­ein­barung zur Ver­gütung – MRT der Prostata“ werden Patienten wie folgt infor­miert: „Sehr geehrte Patientin, sehr geehrter Patient, vielen Dank, dass Sie sich für eine MRT-Diag­nostik der Prostata in unserer Praxis ent­schieden haben.“22 Wer kann schon mit Sicher­heit aus­schließen, dass es bei der mitt­ler­weile doch recht un­über­sicht­lichen Zahl der mög­lichen Ge­schlech­ter auch eine Prostata­patientin gibt. Der Weg zur „Samen­spenderin“ ist nicht mehr weit.

Weiter ist auf der Inter­net­seite der Praxis zu lesen: „Quali­fi­zierte Fach­ärztinnen und Fach­ärzte begleiten Ihre Unter­suchung und werten diese aus“, obwohl nur männ­liche Fach­ärzte als Praxis­team auf­ge­führt waren (Stand: 10.10.2021).

Wie man/frau/x sprechen und schreiben soll

Vom Zeit­geist dik­tiert, werden Mil­li­onen von Steu­er­gel­dern aus­ge­ge­ben, um öffent­liche Ver­wal­tungen, Re­gie­rungs­stel­len, uni­ver­si­täre Ein­rich­tungen etc. auf die Ver­wen­dung gender­kon­former Be­griffe umzu­stel­len, nur da­mit bei­spiels­weise Stu­den­ten jetzt „Stu­die­rende“, Fuß­gänger jetzt „zu Fuß Ge­hen­de“ und Fuß­gänger­zonen jetzt „Fla­nier­meilen“ ge­nannt wer­den müs­sen. Die meisten der öffent­lich zu­gäng­lichen Texte oder Bei­träge sind „durch­ge­gen­dert“, auf dass sich nie­mand be­nach­teiligt füh­len möge. Das könn­te sonst juris­tischen Är­ger her­vor­rufen. Die Ent­schlos­sen­heit, mit der hier selbst­er­nannte Heils­bring­er­innen ans Werk gehen, trägt ge­ra­de­zu ideo­lo­gische Züge und kann fast nur durch ei­nen an Be­ses­sen­heit gren­zen­den mis­si­o­na­rischen Eifer er­klärt wer­den. Immer mehr Gen­der-Lehr­stühle werden etab­liert. Kaum eine deut­sche Hoch­schule kann es sich heu­te leis­ten, keine Gender­for­schung zu be­trei­ben, die dann im­mer mehr Gründe für weib­liche Un­gleich­be­rech­ti­gungen und Unter­drück­ungen fin­den wird, damit wieder neue Gen­der­for­schungs­pro­jekte initi­iert und Gen­der­stel­len ge­schaf­fen werden und so weiter. Sie pro­du­ziert so selbst das Fut­ter, von dem sie lebt, eine äu­ßerst nach­hal­tige Schaf­fung von Ar­beits­plätzen. Ob diese For­schung tat­säch­lich ergeb­nis­offen ist, wie es Wis­sen­schaft sein sollte, darf be­zwei­felt werden.

Nicht ohne Grund haben sich die Be­für­worter gender­sen­sibler bzw. gender­ge­rechter Sprache genau diese Be­griffe ein­fal­len las­sen statt neu­tra­ler Aus­drücke wie gender­bewusst, gender­benennend, gender­ver­ändert, gender­modi­fi­ziert, gender­er­weitert, gender­rele­vant oder gender­adaptiert. Die Asso­zia­tion mit den posi­tiv be­setz­ten Aus­drücken sensibel bzw. gerecht soll sug­ge­rieren, dass es sich bei dieser „Sprache“ um etwas Gutes, Fort­schritt­liches und Er­strebens­wertes han­delt, dem sich nie­mand ohne schlech­tes Ge­fühl wider­setzen könne. Tref­fen­der wird die Reali­tät der heu­ti­gen „Gender-Sprache“ aber durch Adjek­tive wie gender­mani­puliert, gender­ver­ordnet, gender­domi­niert, gender­be­lastet oder gender­diktiert wieder­gegeben.

Sprache unter­liegt dem Wan­del und das wird immer so blei­ben, aber nur in to­ta­li­tären Sys­temen wer­den Sprech­weisen ver­ordnet. Lei­der sind in sehr vielen von mehr­heit­lich nicht Gender-sprech­enden Steuer­zah­lern finan­zier­ten Ein­rich­tungen der­artige Ver­ord­nungen längst Reali­tät. Öffent­liche Ver­wal­tungen und Ein­rich­tungen er­stellen „Leit­fäden“, nach denen die Mit­ar­beiter die­ser In­sti­tu­tionen zu sprechen oder schrei­ben an­ge­halten wer­den, die zwar gel­ten­den Sprach­regeln zu­wider­laufen, aber den­noch durch­ge­setzt wer­den sollen. An­träge auf För­der­mittel bei­spiels­weise, die den Gender-Vor­gaben nicht ent­sprechen, werden gar nicht erst be­ar­bei­tet oder der „Gender-Geld­topf“ bleibt ge­schlos­sen. Stu­den­tische Ab­schluss­ar­bei­ten be­kommen bei Nicht­be­achtung von Gender-Vor­gaben Punkt­ab­züge. Einem deut­schen Uni­ver­si­täts­pro­fessor werden bei Wieder­holung seiner Gender-kri­ti­schen Aus­sagen vom zu­stän­digen Wissen­schafts­mi­nis­ter dis­zi­pli­narische und straf­recht­liche Kon­se­quenzen an­ge­droht. Mich er­innert das an das Ge­baren mittel­alter­licher Landes­fürsten, die ihren Unter­tanen eine be­stimmte Relig­ion ver­ordnet haben. Die Aus­sage des ehe­mali­gen Bundes­ver­fassungs­rich­ters Prof. Dr. Paul Kirchhof kann ich nur unter­streichen: „Deshalb gehört zu den ele­men­ta­ren Frei­heits­ge­währ­leis­tungen das Recht, frei, un­be­schwert, ohne Begriffs­zwang und Sprach­vor­schriften zu sprechen. Die­ses Frei­sein ist aber ge­fähr­det, wenn im Spre­chen über Mann und Frau Sprach­vor­schrif­ten die Sprech­frei­heit be­schrän­ken sol­len.“9

Die neue Bil­dungs­mi­nis­terin Baden-Württem­bergs, The­resa Schop­per (Grüne), möchte Gen­der­zeichen an den Schu­len die­ses Bundes­landes zu­lassen. Sie sagte kürz­lich, dass es zu be­grüßen sei, wenn in den Schu­len „Lehr­kräfte ge­mein­sam mit ihren Schü­ler­innen und Schü­lern eine Schreib­weise be­züg­lich der Sonder­formen beim Gen­dern ver­ein­baren.“12 Zu­min­dest bis zu den Prü­fungen, in denen dann wie­der das amt­liche Regel­werk gel­ten solle. Das kann im Er­geb­nis heißen, dass unter­schied­liche Re­ge­lungen von Schule zu Schule und selbst inner­halb einer Schule gel­ten kön­nen. Die eigent­liche, wenn auch nicht ex­pli­zit ge­äußer­te Ab­sicht dürfte jedoch sein, dass sich die Gen­der-Re­ge­lung im Zuge ei­ner ein­heit­lichen An­wen­dung in allen Schu­len durch­setzt. Hier soll of­fen­bar auf den frucht­baren Bo­den der Schu­le früh­zeitig die Gender-Saat aus­ge­bracht werden, auf dass sie auf­gehen und reich­lich Früchte tragen möge. Mich er­innert das an In­dok­tri­na­tion aus Zei­ten, die Deutsch­land ei­gent­lich glaub­te, hinter sich zu haben.

Welche Begriffe in den von Grünen er­ar­bei­te­ten Lehr­plänen auf­tauchen könn­ten und wohl auch von den Schü­lern er­lernt werden sollen, lässt ein Blick in das Bundes­tags­wahl­pro­gramm 2021 der Partei15 er­ahnen. Dort findet man u. a: Unter­nehmer­*innen­geist, Bürger­*innen­rechte, „Wir machen den Staat […] bürger­*innen­näher“, Bürger­*innen­betei­ligung, „[…] anwohner­*innen­freund­liche […] Stand­ort­wahl […]“, Mieter­*innen­schutz, Lebens­mittel­her­steller­*innen, Neu­ein­steiger­*innen, Er­zeuger­*innen­gemein­schaften, Kurz­arbeiter­*innen­geld, Gründer­*innen­welle, Ent­schei­der­*innen, Manager­*innen­gehälter, Arbeit­nehmer­*innen-Rechte, Bürger­*innen­ver­sicherung, Heil­mittel­er­bringer­*innen, „[…] zu Lasten des Patient­*innen­wohls […]“, Patient­*innen­orien­tierung, Patient­*innen­sicher­heit, Patient­*innen­ge­heimn­is, Mieter­*innen­be­ratungen, Schuldner­*innen­be­ratung, Demo­kratie­feind­*innen, „mit […] einer […] bürger­*innen­nahen Polizei […]“, Bürger­*innen­amt, Bürger­*innen­nähe, Imam­*innen-Aus­bil­dung, Sinti*zze und Rom*nja, Bürger­*innen­räte, Bürger­*innen­be­gehren, Whistle­blower­*innen, „[…] die/den nächste*n Prä­si­dent*in […]“, Staats­bürger­*innen­schaft, Bürger­*innen­initia­tive, Kinder­soldat­*in, Ehe­gatt­*innen­split­ting. Gen­dern, bis der/die Arzt/Ärztin kommt! Im Gegen­satz zu vielen an­de­ren Gender­freunden werden immer­hin auch die pa­läs­tinen­sischen Frauen ge­nannt (Pa­läs­tinen­ser­*innen). Ein Jammer, dass vor einer ent­schei­den­den Wahl grüne Um­welt­po­li­tik nur mit dem Gender­*stern­chen zu haben ist.

Ich möchte noch Theo Som­mer, den lang­jährigen Chef­re­dak­teur der Wochen­zeitung „Die Zeit“ zu Wort kommen lassen: „Sorgen be­rei­tet mir auch die Ver­gen­de­rung der deut­schen Sprache. Sie ver­liert da­durch an inne­rer Har­mo­nie, Mu­si­ka­li­tät, Natür­lich­keit, Durch­sich­tig­keit und Ein­heit­lich­keit. Die An­nahme, dass sich nur auf die­se Wei­se die po­li­ti­sche Wirk­lich­keit ver­ändern lasse, ist empi­risch in keiner Weise zu be­le­gen. Judith Sevinç Basad hat nicht von unge­fähr in der NZZ da­rauf hin­ge­wie­sen, dass sich Frau­en und Queers wäh­rend der letz­ten 70 Jahre in ra­san­tem Tempo aus den Fes­seln des Pat­ri­archats be­freit haben – und dies auch mit dem ge­ne­ri­schen Ma­sku­li­num und ohne Gen­der­stern­chen, Unter­striche oder Dop­pel­punkte.“13

Polarisierung erwünscht

Sprache ist nicht nur das Ve­hi­kel zum Trans­port der Bot­schaft, nein, sie selbst ist die Bot­schaft. Ob man z.B. von einer „Stu­den­ten“-WG oder „Stu­die­renden“-WG spricht oder schreibt, sendet höchst unter­schied­liche Bot­schaf­ten aus. Einer Ent­schei­dung über die Wort­wahl kann sich nie­mand ent­ziehen. Genderer in­sze­nie­ren sich als die bes­seren Men­schen. Gender-Ver­wei­gerern dage­gen droht Un­gemach, schnell sind sie in der frau­en­feind­lichen oder rech­ten Ecke nach dem Schwarz-Weiß-Schema (oder viel­leicht besser Rot-Grün-Schema, schließ­lich könnte man sich zuletzt noch dem Rassis­mus-Ver­dacht aus­setzen): Wer gendert, will Frauen zu ihrem Recht ver­hel­fen, ist fort­schritt­lich und li­be­ral, steht mo­ra­lisch auf der rich­tigen Seite, ge­hört also zu den Guten. Wer es aber nicht tut, der offen­bart sich als Frauen­feind, ist rück­stän­dig und in­to­le­rant, po­li­tisch rechts außen ste­hend und ge­hört zu den Bösen. Wer will da nicht zu den „Tugend­haften“ ge­hö­ren. Auf der „rich­ti­gen“ Sei­te zu ste­hen, das ist das Wich­tigs­te; Zu­ge­hö­rig­keit, Iden­ti­tät ist das neue und stärkste „Argu­ment“. Gen­dern zeigt, wo du po­li­tisch stehst, also über­lege es dir gut, wenn du bei die­ser „gu­ten Sache“ nicht mit­machen willst!

Mit dieser sub­ti­len Bot­schaft und Stig­ma­ti­sierung von Gender-Ver­wei­ge­rern will man die Etab­lie­rung der Gender-Spra­che un­um­kehr­bar machen. In der Ge­sell­schaft scheint die­ses Denk­muster schon weit ver­brei­tet zu sein, das wissen auch die Poli­ti­ker. Wer unter diesen nicht gen­dert, läuft Ge­fahr, Wäh­ler­stim­men zu ver­lie­ren. Die Mit­glie­der ge­rade die­ser Berufs­gattung sind im All­ge­meinen weni­ger dafür be­kannt, dass sie für ihre Über­zeugungen gerade­stehen, als dass sie viel­mehr ein sicheres Gespür dafür haben, aus welcher Richtung der oppor­tu­nis­tische Wind weht. Gen­dern po­la­ri­siert. Dass man „Sprach­gendern“ ab­leh­nen und sich den­noch für Gleich­be­rech­tigung ein­setzen kann, scheint un­denk­bar. In­to­le­ranz und Vor­ein­ge­nom­men­heit auf dem Gender-Feld sind ge­sell­schafts­fähig ge­worden. Nur wenige zeigen Rück­grat, dem ge­sell­schaft­lichen An­pas­sungs­druck zu wider­stehen.

Neue Sprachnormen

Nun ist auch noch die Duden-Redaktion vor dem Zeit­geist ein­ge­knickt und auf den Gender-Zug auf­ge­sprungen: In ihrer Online-Aus­gabe ist sie dazu über­ge­gangen, das ge­neri­sche Mas­ku­linum fak­tisch ab­zu­schaf­fen. Die Ber­liner Zei­tung schreibt: „Hinter Arzt, Sub­stan­tiv, masku­linum, heißt es nun: ‚Männ­liche Per­son, die nach Medi­zin­studium und kli­ni­scher Aus­bil­dung die staat­liche Zu­las­sung er­hal­ten hat, Kranke zu be­han­deln.‘ Das Wort ‚männ­lich‘ fehlte bisher. Ärztinnen sind also nicht mehr mit ge­meint, wenn von Ärzten die Rede ist. Nur vor Än­de­rungen in den Kom­po­sita schreckt man noch zurück: ‚Chef­arzt­be­hand­lung‘ wird es erst ein­mal wei­ter ge­ben.“10 Ich kann jeden ver­stehen, der dem Duden als DER seit Jahr­zehn­ten maß­geb­lichen Re­fe­renz für deut­sche Sprach­nor­men nicht mehr zu fol­gen bereit ist. Fast schon er­hei­ternd, dass der Duden in­zwi­schen Idio­tinnen als ei­ge­nes Stich­wort führt! Gut, dass es noch das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache, heraus­ge­geben von der Ber­lin-Bran­den­burg­ischen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, den Online-Wort­schatz „Owid“ des Leib­niz-Insti­tuts für Deut­sche Spra­che oder das Wör­ter­buch Wahrig gibt.

Genderbedingte Miss­ver­ständ­nisse

Ein Blick auf For­mu­lie­rungen in Ge­setzes­texten: Im Straf­ge­setz­buch bei­spiels­weise wird in § 211 StGB zwar von Mör­dern im Sinne des ge­neri­schen Mas­ku­li­nums ge­spro­chen, Mör­der­innen tau­chen dort aber nicht auf. Ge­hen die­se dann ge­ge­be­nen­falls straf­frei aus, da nach gen­der­kon­former Schreib­weise Mör­der schließ­lich nur Män­ner sind? Müs­sen jetzt alle Ge­setze gen­der­kon­form umge­schrie­ben werden?

Ein weiteres Bei­spiel: „Ange­la Mer­kel gilt als eine der füh­ren­den a) Po­li­ti­ker, b) Po­li­ti­ker­innen, c) Po­li­ti­ker*innen unter den a) Staaten­lenkern, b) Staaten­lenker­innen, c) Staaten­lenker*innen der neu­e­ren Ge­schich­te“. Was wird ihr wohl mehr ge­recht: Dass sie eine der füh­ren­den Po­li­ti­ker unter (allen) Staaten­lenkern ist (Aus­druck a) oder (nur) eine der füh­renden Po­li­ti­ker­innen bzw. Po­li­ti­ker*innen (klingt auch wie „Po­li­ti­ker­innen“) unter den (we­ni­gen) Staaten­lenker­innen bzw. Staaten­lenker*innen ist (Aus­druck b bzw. c)? An den ge­nann­ten Bei­spie­len zeigt das ge­ne­ri­sche Mas­ku­li­num seine in­teg­ra­tive Funk­tion. Wie lange wird es wohl noch dau­ern, bis man den Holz­weg er­kennt, auf dem man sich be­findet?

Sprache als Alibi

Was aber sollte statt­dessen ge­tan wer­den? Um das be­rech­tigte Inter­esse von Frauen in der Ge­sell­schaft zu för­dern, be­darf es nicht nur ent­spre­chender recht­licher Vor­ga­ben, son­dern vor allem der ge­sell­schaft­lichen Dis­kus­sionen über Ge­schlech­ter­rollen und ei­ner da­für of­fenen in­neren Hal­tung von Ent­schei­dungs­trä­gern. Diese Dis­kus­sionen fin­den ja auch statt und da­mit der gesell­schaft­liche Wan­del, auch wenn dies vie­len zu lang­sam zu ge­hen mag. Will man die Auf­stiegs­chancen für Frau­en ver­bes­sern, muss man die Be­din­gung­en dafür än­dern, z.B. bei der Kinder­be­treuung, will man für glei­che Ar­beit den glei­chen Lohn haben, gibt es ge­setz­geber­ische Mög­lich­kei­ten. Der An­satz, da­für die Spra­che als Ve­hi­kel zu be­nut­zen, ist de­fi­ni­tiv nicht die Lö­sung. Gleich­be­rech­ti­gung hat nichts zu tun mit sprach­licher Gleich­ver­tei­lung. Die Ar­chi­tek­tur un­ser­er Spra­che, um die uns vie­le be­nei­den, wird über­las­tet und be­kommt Ris­se. Vie­les passt nicht mehr zu­sam­men („Frau­en sind die bes­seren Auto­fah­rerInnen“). Mit ideo­lo­gisch mo­ti­vier­tem Über­eifer wer­den ge­wach­sene Struk­turen einer ein­zig­arti­gen und von vie­len be­wun­der­ten Spra­che bis zur Ver­stüm­me­lung ver­ändert. Nur weil fast alle un­re­flek­tiert der Idee ver­fal­len sind, die bloße Nicht-Nen­nung eines Ge­schlechts sei mit einer Dis­kri­mi­nie­rung des­sel­ben gleich­zu­set­zen, op­fern wir unsere Spra­che die­sem Man­tra. Als Er­geb­nis wird eine ver­un­stal­tete Spra­che blei­ben, die eine Gleich­be­rech­ti­gung nur vor­gau­kelt. Ich plä­diere da­her da­für, bei den not­wen­di­gen ge­sell­schaft­lichen Ver­än­der­ungen an den rich­tigen Schrau­ben zu dre­hen, aber an­sons­ten der Evo­lu­tion der deut­schen Spra­che ein­fach ihren Lauf zu lassen.
Ich möchte an die­ser Stel­le Martin Ebel im Züri­cher Tages­an­zeiger zitie­ren20: „Mit Sprach­ge­fühl hat das Ge­fühl, nicht mit­ge­meint zu sein, wenig zu tun. Da­hin­ter steht eine po­li­tisch-ideo­lo­gische Mo­ti­va­tion, die un­be­strit­ten immer noch be­ste­hende Be­nach­tei­li­gung von Frauen wenigs­tens sprach­lich zu be­he­ben. Eine Ersatz­hand­lung. Auf Kosten der gram­ma­ti­schen Kor­rekt­heit, der Ele­ganz, der Frei­heit des Aus­drucks. Nicht zuletzt trans­por­tiert die Gender­be­we­gung ein Welt­bild, in dem die Mensch­heit immer und grund­sätz­lich in Männer und Frauen zer­fällt. Eine ge­spal­tene Welt.“

Aus diesen Grün­den sind vor­lie­gende Inter­net­sei­ten so ver­fasst, wie sie ver­fasst sind. Das wird sicher nicht jedem ge­fal­len, ich hoffe aber, dass aus dem oben Ge­sag­ten her­vor­geht, dass mit den auf die­sen Sei­ten ver­wen­de­ten Formen nie­mand dis­kri­mi­niert werden soll.

Die öffentlich-recht­lichen Besser­wisser

Dass man zur Gender-Thema­tik auch völ­lig ge­gen­sätz­licher Mei­nung sein kann, er­lebe ich täg­lich u. a. in Bei­trä­gen öffent­lich-recht­licher Rund­funk­sen­dungen, bei de­nen mir manch­mal Hö­ren und Se­hen ver­geht („Wir Jour­na­listinnen …“ (oder Jour­na­listInnen?), Zitat eines männ­lichen Ver­tre­ters seiner Zunft im Deutsch­land­funk).

Im Sen­der 3sat wurde ein Inter­view, bei dem die Inter­view­part­nerin aus­schließ­lich das ge­ne­rische Mas­ku­li­num ver­wen­dete („Le­ser“, „Fol­lower“ und „De­sig­ner“) und das auf Instagram ver­öffent­licht wurde, in­so­fern ver­fälscht, als dass in den Unter­ti­teln ge­gen­derte For­men („Le­ser­innen“, „Fol­lower­innen“ und „De­sig­ner*innen“) ein­ge­blen­det wurden. Der ge­spro­chene, nicht-ge­gen­derte Ori­gi­nal­text wurde in ei­nen ge­gen­der­ten Text um­ge­schrie­ben, ent­spre­chend der Hal­tung: Wir wis­sen, wie es „rich­tig“ hei­ßen muss. Sind das nun „alter­na­ti­ve Fak­ten“ oder ist das Zen­sur oder „wohl­mei­nen­de“ Be­vor­mun­dung oder ein­fach nur in­tel­lek­tu­elle Über­heb­lich­keit? Un­ter jour­na­lis­tischer Ver­pflich­tung zur Wahr­heit ver­stehe ich et­was an­de­res. Ähn­lich ver­hält es sich mit Über­set­zungen ins Deut­sche, bei de­nen die weib­liche Plural­form „dazu­über­setzt“ wird. Wer den Ori­gi­nal­text nicht kennt oder nicht ver­steht, glaubt, die ganze Welt würde gendern.

Oder wenn Herr Panajotis Gavrilis (Deutsch­land­funk) von so­und­so­vielen „In­fek­ti­ons­fällen pro 7 Tage und 100 000 Ein­woh­ner­innen und Ein­woh­nern“ spricht, frage ich mich: Ist das jetzt eine neue und wich­tige Er­kennt­nis, dass auch die Ein­woh­nerinnen in die Be­rech­nung ein­ge­hen, oder ist das ein­fach nur al­bern? Immer­hin gen­dert Herr Gavrilis kon­se­quent. Wür­den alle Mit-Gen­der­er die­se Kon­se­quenz zei­gen, wür­de man die Un­ge­reimt­hei­ten und die feh­len­de Praxis­taug­lich­keit des gan­zen Unter­fan­gens schnell er­ken­nen.

Während manche Volks­gruppen so gut wie nie ge­gen­dert wer­den („Pa­läs­ti­nen­ser“), ist das bei an­de­ren schon fast le­gen­där („Uigurinnen und Uigu­ren“4). Ne­ga­tiv be­setz­te Be­griffe (z. B. „Lüg­ner“, „Quer­den­ker“, „Kli­ma­leug­ner“) wer­den im Übri­gen weit­aus sel­te­ner ge­gen­dert als po­si­tiv be­setz­te („Hel­dinnen und Hel­den“, „Er­zie­her­innen und Er­zie­her“, „Ärz­tin­nen und Ärz­te“). Herrscht hier die An­sicht vor, die Wur­zel al­len Übels liege im Männ­lichen per se, oder sol­len die Lüg­ner­innen, Quer­den­ker­innen und Kli­ma­leug­ner­innen doch nicht „mit­ge­meint“ sein und bes­ser „un­sicht­bar“ bleiben?

So häu­fig man „Gen­der-Deutsch“ vor allem in öf­fent­lich-recht­lichen Sen­de­an­stal­ten hört oder liest, so sel­ten hört man es im all­täg­lichen Le­ben, was aber von den ge­nann­ten An­stal­ten hart­näckig ig­no­riert wird. Aus­ge­stat­tet mit uner­schütter­lichem Selbst­bewusst­sein, kombi­niert mit einer gewis­sen in­tel­lek­tuel­len Über­heb­lic­hkeit, die ggf. durch eini­ge Se­mes­ter „Gender­for­schung“ an­ge­reichert wurde und mit ent­sprech­en­dem Sendungs­be­wusst­sein ein­her­geht, sowie dem Wis­sen um die große media­le Ver­brei­tung ihrer Worte haben sich offen­bar einige Jour­na­listen der öffent­lich recht­lichen Sen­der zur Auf­gabe gemacht, durch täg­liches Gender-Vor­sprechen den sprach­lich „zurück­ge­blie­be­nem“ Hörer oder Zu­schauer ganz all­mäh­lich zum Gender-Nach­plappern zu bewegen, ohne sich zu fragen oder es bewusst zu igno­rieren, ob die­ser die neue deutsche Gender-Sprache über­haupt hören oder lesen will. Mehr noch, obwohl die­je­ni­gen, die das Gen­dern ab­leh­nen, klar in der Mehr­heit sind, soll diese Mehr­heit sich fühlen wie eine Minder­heit, dafür wird täg­lich ge­sorgt.

Viel­leicht geschieht ihr Handeln aber auch gar nicht in er­zie­her­ischer Ab­sicht, sondern im festen Glau­ben, das Rich­tige zu tun. Über­zeu­gungen werden ver­stärkt, wenn man sich fast nur unter seines­gleichen, sich hier also in einer jour­na­listisch-intel­lek­tuel­len Blase befindet, in der man sich täg­lich gegen­seitig seine eigene Welt­sicht be­stätigt, wie in einer Glaubens­gemein­schaft. Das wie­derum pro­du­ziert in diesen Sendern dann einen nicht un­er­heb­licher An­passungs­druck, dem man sich schwer und nur unter Ver­lust von An­er­ken­nung der ei­genen Gruppe wider­setzen kann. Schließ­lich will man ja auf der mo­ra­lisch rich­tigen Seite stehen. Jana Pareigis, die Nach­fol­gerin von Petra Gerster als Mo­de­ra­to­rin der ZDF „heute“-Sen­dung hat in Sachen Gender ihr „Glau­bens­be­kennt­nis“ bereits ab­ge­legt.14

Ich möch­te nicht miss­ver­stan­den wer­den. Ich bin froh, in ei­nem Land zu le­ben, in dem es öf­fent­lich-recht­liche Sen­der gibt, aber mir drängt sich der Ein­druck auf, dass hier der Bil­dungs­auf­trag mit einem Er­zie­hungs­auf­trag ver­wech­selt wird ge­gen­über de­nen, die zwar mehr­heit­lich Gender-Deutsch weder hören noch lesen möch­ten, aber trotz­dem dafür zur Kasse ge­be­ten werden.

Auf Kritik am Gendern erwi­dern Gender-Be­für­worter oft, dass das Gendern ja jedem frei­ge­stellt sei. Das ist grund­sätz­lich rich­tig. Die Mo­de­ra­to­ren oder Kom­men­ta­to­ren des öffent­lich-recht­lichen Rund­funks kön­nen für sich per­sön­lich diese Ent­schei­dung zwar tref­fen, sie tun dies aber nicht für sich allein. Der Hörer oder Zu­schauer jeden­falls hat diese Ent­schei­dungs­mög­lich­keit nicht, er soll das an­ge­rich­tete und von ihm bereits bezahl­te Gender-Menü kon­su­mie­ren, ob es ihm schmeckt oder nicht. Die Ent­schei­dung, die ihm bleibt, ist, sich daran den Magen zu ver­der­ben oder die Gender-Küche zu ver­lassen und um- oder aus­zu­schalten, auch dann, wenn das ver­genderte Gericht an­sonsten gehalt­voll, d.h., hörens- oder sehens­wert ist. So kürz­lich geschehen in einer wissen­schaft­lich fundierten Sendung zum Klima­wandel, in der aller­dings nur „Forschende“, aber keine „Forscher“ zu Wort kamen. Ich bin froh, dass ich in meinem früheren Berufs­leben zu letz­teren gezählt wurde.

Nachdenken statt Nach­plappern

Wie gesagt, Spra­che ist ein Kul­tur­gut, mit dem res­pekt­voll und pfleg­lich um­ge­gan­gen wer­den soll­te. Den­noch: Jeder soll nach se­iner Fas­son se­lig wer­den. Wer ger­ne aus Über­zeu­gung gen­dert, dem sei es ge­gönnt, wer es auf­grund äu­ßerer Zwänge tut, den will ich nicht ver­ur­tei­len, wer es aber nur tut, weil vie­le es tun oder weil er glaubt, sich an­pas­sen zu müs­sen, der plap­pert nur nach und er­höht zu­sätz­lich den An­pas­sungs­druck auf an­dere. Letz­terem sei ge­sagt, dass er, ohne es zu wol­len, dazu bei­trägt, dass der „Gen­der-Neu­sprech“ un­be­wusst Teil des all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauchs wird. So macht sich der Nach­plap­perer zum Er­fül­lungs­ge­hil­fen die­ser Sprach­ideo­lo­gie und ihrer Ver­brei­tung. Selbst den­ken hilft hier wei­ter.

Die To­le­ranz im Üb­ri­gen, die ich an­deren An­sich­ten auf dem Gen­der-Feld ent­ge­gen­bringe, be­an­spruche ich auch für die meinige.

Ernst Natt

1 Ef­fek­te des ge­ne­ri­schen Mas­ku­li­nums und alter­na­ti­ver Sprach­for­men auf den ge­dank­li­chen Ein­be­zug von Fra­uen von Dagmar Stahlberg und Sabine Sczesny, 2 Luise F. Pusch, 3 Senta Trömel-Plötz, 4 Anne Will, 5 Katrin Göring-Eckhardt, 6 Annalena Baerbock, 7 Anton Hofreiter, 8 Siemtje Möller, ver­tei­di­gungs­po­li­ti­sche Spre­cherin der SPD-Bundes­tags­frak­tion, 9 ge­fun­den im Januar 2021 auf Ver­ein Deut­sche Spra­che e.V., 10 Susanne Lenz, gefunden in der Berliner Zeitung vom 8.1.2021, 11 Quel­len: Wiki­pe­dia, statista und Gleich­ver­tei­lung der Ge­schlech­ter (männl. und weibl.) vor­aus­ge­setzt, 12 Stuttgarter Nachrichten, vom 26.7.2021, 13 Zeit Online, vom 20.7.2021, 14 Interview mit Hannah Scheiwe vom Redaktions­netzwerk Deutsch­land vom 27.7.2001, 15 Bundes­tags­wahl­pro­gramm 2021 der Grünen, 16, 17 am 10.8. auf der ZDF– bzw. Spiegel-Seite, 18 Dirk-Oliver Heckmann (DLF) am 10.8. im Interview mit der Bundes­um­welt­mi­nis­terin, 19 Thielko Grieß in den „Infor­matio­nen am Abend“ des Deutsch­land­funks vom 30.8., 20 Martin Ebel im Züricher Tagesanzeiger vom 18.7.2019. 21 Peter Kunz, ZDF-Studioleiter Niedersachsen, veröffentlicht am 19.9., 22 Radiologie-Praxis in Berlin-Adlershof

Stand: Oktober 2021

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